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Neuigkeiten & Fachwissen
07.02.2020 | DIGITALISIERUNG

Durch die Digitalisierung werden Tätigkeiten automatisiert, und Berufe fallen weg, aber es entstehen auch neue Tätigkeitsfelder. So zum Beispiel im Bereich E-Commerce. Hier haben Ausbildungsbetriebe seit 2018 die Möglichkeit, den neuen Beruf Kaufmann/-frau im E-Commerce auszubilden.

Die Redaktion sprach mit Martin Groß-Albenhausen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim E-Commerce-Verband bevh und mit Ausbildungsleiterin Daniela Krauss über den Beruf.

Herr Groß-Albenhausen, 2018 ging der Beruf der Kaufleute im E-Commerce an den Start. Was waren die Beweggründe, aus denen heraus der bevh die Schaffung des Berufsbilds forciert hat?

Die Unternehmen aus dem Online- und Versandhandel hatten in der Vergangenheit versucht, auf Grundlage der bestehenden Ausbildungsberufe die Spezifika des E-Commerce abzubilden. Das war zumindest bei den allgemeinen Handelsfunktionen wie z. B. Einkauf oder Logistik, Kundenservice oder Werbung lange Zeit etwa mit Kaufleuten im Groß- und Außenhandel, Marketingkommunikation oder auch Büromanagement einigermaßen möglich. In den letzten zehn Jahren hat sich aber die Vielzahl an Aufgaben im E-Commerce derart dynamisch entwickelt, dass der Überschneidungsbereich immer geringer wurde. Uns war deshalb frühzeitig klar, dass die Zeit gekommen war, einen eigenen Beruf für unsere Branche zu entwickeln. 2012, als wir zum ersten Mal mit dem DIHK darüber gesprochen haben, haben wir uns noch die Hörner abgestoßen. 2015 war dann bei allen Handelsverbänden und auch in etlichen Industrie- und Dienstleistungsbranchen die Erkenntnis da: E-Commerce ist ein Querschnittsberuf, der in vielen Branchen sinnvoll ausgebildet werden kann – weil mehr und mehr Handelsvorgänge im Internet abgebildet werden müssen.

Das Berufsbild ist nun Realität geworden. Was sollten Ausbildungsbetriebe bei der Organisation beachten und welche Kompetenzen müssen im Unternehmen vorhanden sein?

Der E-Commerce-Azubi kann nicht der heimliche Digitalisierungsbeauftragte sein. Ein Unternehmen, das E-Commerce-Azubis ausbilden will, sollte ein stabil laufendes Online-Geschäft haben. Denn den größten Teil der Zeit lernt der Azubi im Unternehmen, und er braucht dort kompetente Ausbilder in den Kernfunktionen des Online-Handels. Das ist eben nicht das Lager, denn solche Tätigkeiten sind nicht Inhalt des Ausbildungsrahmenplans. Wenn ein Unternehmen das Gefühl hat, wesentliche Bereiche nicht wirklich abbilden zu können – z. B. Suchmaschinen-Marketing –, dann gibt es immer die Möglichkeit, Azubis für solche Aktivitäten z. B. bei einer entsprechenden Agentur ins Praktikum zu schicken. Das Unternehmen sollte sich also im Vorfeld Punkt für Punkt notieren, wo der Azubi im Unternehmen oder extern die Inhalte vermittelt bekommt. Ob das Unternehmen sein Online-Geschäft über Marktplätze wie Amazon, eBay oder Mercateo im B2B-Handel abwickelt,
oder ob ein eigener Shop und mobile Anwendungen Geschäftsgrundlage dafür sind, spielt eine untergeordnete Rolle. In jedem Fall sollten aber die relevanten Systeme laufen, um möglichst viele Aspekte der Ausbildung intern abbilden zu können. Also ein E-Commerce-System – ob nun ein ERP mit Anbindung an Marktplätze oder ein Shopsystem –, ein eingerichtetes Analyse-System wie Google Analytics oder Piwik und idealerweise auch eine Verknüpfung dieser Systeme mit anderer Software. Also wenn ein Unternehmen aktive Kundenansprache betreibt, mit einem Newsletter-System, einem CRM, Payment-Lösungen etc.

Zum Abschluss: Was sind Ihre drei Tipps für Unternehmen, die überlegen, den Beruf anzubieten?

1. Warten Sie nicht darauf, dass Azubis von sich aus kommen.
Der Beruf ist noch unbekannt. Nutzen Sie die Chance, ggf. in den Schulen bei Informationstagen präsent zu sein und vorzustellen, welche spannenden Tätigkeiten man bei Ihnen lernen kann. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass bei solchen Infotagen das Stichwort „E-Commerce“ für eine hohe Aufmerksamkeit sorgt. Die Berufsberater der Arbeitsagentur werden das Stichwort derzeit von sich aus nicht bringen.

2. Suchen Sie andere Unternehmen in der Region, die den neuen Beruf ausbilden.
Ihre Ausbilder brauchen am Anfang den Austausch, um ein Gespür dafür zu bekommen, in welcher Weise man komplexe Sachverhalte einfach vermitteln kann. Denn der Betrieb hat hier keinen Bachelor-Studenten vor sich. Das unterschätzt man leicht.

3. Suchen Sie den Kontakt mit der Berufsschule.
Auch für die Lehrer ist der Beruf neu, und sie müssen eine große Bandbreite von unterschiedlichen E-Commerce-Szenarien berücksichtigen. Schließlich gibt es E-Commerce im Tourismus, in der Versicherungsbranche, im Handel, im Handwerk, in der Industrie. Die Berufsschullehrer müssen diese unterschiedlichen Ausprägungen verstehen, um den Azubis den schulischen Lehrstoff zu vermitteln. Und ggf. können Sie die Schulen durch Material unterstützen. Solche lernort-gebundenen Kooperationen sind ausdrücklich erwünscht.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Groß-Albenhausen.

Martin Groß-Albenhausen
ist Stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim bevh. 2016 wurde er vom BIBB in die Sachverständigen- Kommission für die Entwicklung des neuen Ausbildungsberufs Kaufmann/-frau im E-Commerce berufen.

 

Digitale Medien in der Ausbildung im E-Commerce
Die Ausbildung zum / zur Kaufmann/-frau im E-Commerce ist eine neue und digitale Chance für junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt.
(Bild: © nd3000 - stock.adobe.com)

Frau Krauss, mit dem neuen Ausbildungsjahr 2019 bildet die Forum Media Group Kaufleute im E-Commerce aus. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Für Medienunternehmen führt schon lange kein Weg mehr daran vorbei, ihre Inhalte und Vertriebswege zu digitalisieren. Dadurch entstehen komplett neue Anforderungen, Tätigkeitsfelder und Berufe. Als führendes Medienhaus ist die Forum Media Group mit ihren Fachverlagen von einer hohen Innovationskultur geprägt. Da ist es für mich nur ein logischer Schritt, dass auch ich aus Sicht von HR in die Zukunft blicke und nach neuen Ausbildungsfeldern und Berufen Ausschau halte. Die Kaufleute im E-Commerce passen perfekt in unsere Verlage. Deren Ausbildung beinhaltet bei uns

  • den Aufbau von Online Shops,
  • die Platzierung und Einstellung von Produkten, Bildern und Texten,
  • die Abwicklung der Kundenkommunikation in Chats, Blogs und Social Media,
  • den professionellen Umgang mit HTML und Content Management-Systemen,
  • die Welt von SEA und SEO zu beherrschen,
  • aber auch klassische kaufmännische Themen wie Angebotserstellung, Rechnungsstellung und Buchführung.

Kaufmann/-frau im E-Commerce ist aus meiner Sicht ein sehr abwechslungsreicher, zukunftsorientierter Beruf mit hohem Nutzen für Auszubildende und Unternehmen.

Dennoch war ich zunächst vorsichtig und habe mir die „erste Runde“ erst mal angeschaut, bevor ich selbst ausbilde. Im September 2019 starteten bei uns drei Kaufleute im E-Commerce, nachdem ich immer wieder im Austausch mit der zuständigen IHK geblieben bin.

Was raten Sie Ausbildern, die überlegen, den Beruf auszubilden?

Besonders empfehlen kann ich den direkten Kontakt zu anderen Ausbildern und zu der Berufsschule.
Ich finde es sehr wichtig, sich gut zu vernetzen, es hilft mir und anderen Ausbildern. Konkurrenz verspüre ich hierbei nicht, im Gegenteil, ich finde die Distanz von einigen Personalern als eher unangebracht und rückwärtsgerichtet. Wir Ausbilder haben uns z. B. mit Lehrern und Vertretern der IHK in der zuständigen Berufsschule zum Erfahrungsaustausch getroffen und konstruktiv an neuen Themen gearbeitet. Schwierigkeiten wurden an Ort und Stelle diskutiert und gelöst, es war eine gewinnbringende Veranstaltung für alle Beteiligten.

Vielen Dank für Ihre Einschätzung, Frau Krauss.

Daniela Krauss
ist Ausbildungsleiterin bei der Forum Media Group und bildet seit 2019 Kaufleute im E-Commerce aus.

 
Unseren E-Commerce Azubi Benjamin Palle haben wir gebeten seine Ausbildung bis zu diesem Punkt Revue passieren zu lassen. Lesen Sie hier seine bisherigen Eindrücke:
Im September 2019 hat meine Ausbildung zum Kaufmann im E-Commerce begonnen. Ich habe mich entschieden die Ausbildung zu machen, da sie noch sehr jung ist. Dadurch kann ich die Ausbildung mitgestalten und diesen Beruf prägen. Ein weiterer Grund für meine Entscheidung war, dass der Beruf auf neue und digitale Methoden setzt. Auch die Mischung aus kreativer Arbeit, zum Beispiel das Schreiben eines Onlinetextes, und der buchhalterische Aspekt des Berufs war ein Grund für mich, die Ausbildung zu wählen. Momentan macht mir das Erstellen von Posts für soziale Medien am meisten Spaß. Dort lerne ich, wie ich Leuten Lust auf unsere Beiträge machen kann. Ich lerne außerdem welche Hashtags ich verwenden kann, damit die richtige Zielgruppe erreicht wird. Im Arbeitsalltag schreibe ich Onlinetexte und lerne den Umgang mit Google Ads. Dort kann ich bereits neue Kampagnen anlegen, Keywords verfeinern und Anzeigen dafür erstellen. Auch die Fächer in der Berufsschule sind interessant. Es wird versucht so viel wie möglich praxisorientiert zu unterrichten. Bis jetzt macht mir meine Ausbildung viel Spaß und ich bin gespannt, was ich noch alles lernen werde.

Sie haben Interesse bekommen auch in Ihrem Unternehmen junge Menschen im E-Commerce auszubilden? Unser Praxishandbuch „Das neue Berufsbildungsrecht“ unterstützt Sie bei allen Fragen rund ums Thema Ausbildung! Und zum Netzwerken und Erfahrungsaustausch mit anderen Verantwortlichen lädt unser Barcamp+ ein.

Augsburg, 07.02.2020
Online-Redaktion AKADEMIE HERKERT